Samstag, 19. Juli 1997 Querschnitt Stuttgarter Zeitung
Sie heißt Laura, kommt aus Rumänien und ist eine Hexe
Die Übermutter der Schwulenszene im Großraum Stuttgart: "Die Leute, die ich liebe, brauchen mich" /Von C.Litz

Die beiden Kinder Lauras, ein Junge, ein Mädchen, gingen auf die Merzschule, eine private, teure, bürgerliche Schule am Waldrand. In der achten Klasse schreibt Lauras Sohn den legendären Aufsatz zum Thema "Meine Eltern". Er schrieb: "Meine Eltern ist meine Mutter. Sie ist immer schwarz angezogen. Sie hat immer eine Sonnenbrille auf. Sie ist eine Hexe."

Die Lehrerin wurde neugierig, bat Laura in die Sprechstunde und bekam geboten, was man in Stuttgart sonst nur nach Mitternacht im "KingsClub" oder im "Laura" erleben darf. Laura, Alter unbekannt (frag nie danach, wenn du keinen Ärger haben willst), Laura sitzt am Tisch, das Haar feuerrot, altmodisch nach oben frisiert, dennoch wild und jung. - Ihre Brauen sind überschminkt, schwarze Linien laufen in großen Kurven auf die hohe Stirn. Die Haut ist fahl, denn Laura geht morgens um sieben Uhr ins Bett und steht um 17 oder 18 Uhr auf. Wie es sich für eine Hexe gehört, hat sie nicht viel mit Tageslicht im Sinn.

 

 

 

 

"Ich bin eine Hexe", sagt die Frau, die Stuttgarts Schwulenszene seit vielen Jahren zusammenhält. Laura ist eine gute Hexe, und wenn sie aus den Karten liest, sucht sie eher die Psychologie als die Magie!

 

Laura stammt aus Rumänien, studierte in Bukarest Kunstgeschichte und Archäologie, machte brav ihren Abschluß. Ihr Rückblick: "Ich war spießig. Aber ich hatte viele schwule Freunde, meine beste Freunding war lesbisch. Es ist nicht so, daß das was jetzt um mich herum ist, ganz unvermittelt auf mich zukam, als ich nach Stuttgart zog". Laura bekam ein Promotionsstipendium und ging nach Hamburg, dort heiratet sie. Nach sechs Monaten die Scheidung, kurz darauf heiratete sie den Trauzeugen ihrer ersten Hochzeit. Sie brach das Studium ab, bekam Kinder, zog mit dem Mann nach Stuttgart, weil er dort eine Stelle als Chefredakteur einer BurdaZeitschrift bekam.

Einmal kamen ihre Kinder von der Schule heim und fragten: "Mama, ist Ledertyp ein Beruf? Können wir das auch werden?" Wie die Aids-Hilfe hat der Stuttgarter Lederclub Laura zum Ehrenmitglied ernannt. Sie ist die einzige Frau in dem Club, der keine Frauen aufnimmt.

Neu in der Stadt, ging Laura in den KingsClub ("KC"). "Ich habe alle gemocht, alle haben mich gemocht." Einige Wochen später war sie hinter der Bar und kannte jeden. Jeder erzählte ihr von seiner Liebe, von seiner letzten Trennung, vom Ärger mit den Eltern. "Das war meine Welt" Ihr Mann zog ohne sie nach München zur nächsten Chefredakteursstelle. Laura ließ sich scheiden. "Ich hatte keine Ahnung von Gastronomie, ich wußte nur, ich liebe diese Leute" Und sie liebten sie. Laura war zum dritten mal verheiratet, mit dem KC-Betreiber. Der wollte Geld verdienen mit seinem Club in der Stadtmitte, Laura wollte für ihre neue Familie dasein.

Sie mietete die verrotteten Räume, in denen heute das Laura ist. Drin waren Ratten, Dreck, Schimmel. Aber Laura, die Frau hinter der KC-Bar, hatte Freunde. "Da sind die Schwulen gekommen, jeden Tag. Sie haben gestrichen und renoviert." Tage vor der Eröffnung "standen Hunderte draußen und haben gewartet, daß ich aufmache. Ich könnte jedesmal weinen, wenn ich das erzähle. Ich machte alle Türen auf, die ganze Front, Tage vor Eröffnung. Die Leute, die ich liebe, brauchten mich".

Laura ist nicht reich geworden." Alles, was ich habe, kommt in die Szene", sagt sie, "ich wohne zur Miete, mein Auto ist geleast, ich hab´ nur mein Potential." - Laura ist nicht reich, weil sie keinen Eintritt verlangt, weil sie Hunderten schon einen Hunderter zusteckte, weil sie für viele kostenlos aus den Karten die Zukunft liest. Weil sie viel teuren Schmuck und alte Bücher versetzte, um ihre Lokale am Leben zu erhalten. Weil sie seit mehr als zwei Jahren eine Streetworkerin finanziert, die sich um die HIV-Positiven auf der Strasse kümmert.

"Ich bin keine Fee. Eine Fee ist hilflos, blond, schön, unschuldig. Ich bin eine Hexe" Hexe bedeutet, daß sie sich wehrt, daß sie sich durchsetzt, daß sie laut werden kann, daß sie kämpft für ihre schwulen Freunde. Sie ist eine pragmatische Hexe, Mitglied im Gaststättenverband, "als angesehene Gastronomin". Nur auf diesem Weg gab es die Sperrstundenbefreiung. Laura raucht nicht, trinkt nicht, geht nicht ins Kino, hat keine Lieblingsspeisen, ist keine Genießerin, macht keine Spaziergänge.

"Mein Leben ist hier. Es muß ein fester Punkt existieren für die Schwulen!"